Fernsehen von nebenan.

Fernsehen von nebenan.

30.09.2020 17:00 - 19:00

Fernsehen von nebenan.

Bilder des Umbruchs im sächsischen Lokalfernsehen (1990-95).

Programm-Präsentationen und Diskussionen

Dr. Judith Kretzschmar und Prof. em. Dr. Rüdiger Steinmetz

Leipziger Institut für Heimat- und Transformationsforschung, LIHT

In Marienberg kann die „Karl-Marx-Straße“ im Gemeinderat erst im zweiten Anlauf in „Kaiserstraße“ zurück benannt werden. Ein westdeutscher „Investor“ nennt die Bewohner „Ur-Einwohner“, die sich mal entscheiden müssten, ob sie die touristische Erschließung mit West-Investitionen oder „lieber im Dornröschenschlaf bleiben“ wollen. In Laubusch berichtet ein Pfarrer über die Ankunft der ersten Auslandsdeutschen aus der Ukraine; die Brikettfabrik wird geschlossen; Umweltschäden werden erkennbar; Schul-Lehrpläne ändern sich im Monatstakt. In Leipzig lehnt der Runde Tisch das Sponsoring einer Rock-Veranstaltung durch Coca-Cola ab; der Marktplatz liegt zwei Tage vor der ersten freien Volkskammerwahl am 18. März 1990 voller Westzeitungen. In Görlitz versemmelt ein junger Stadtrat Michael Kretzschmer einen „Kellner-Wettbewerb“. In Chemnitz geben Straßenumfragen ein realistisches Bild der Lage; Rio Reiser besingt den „Knockout Deutschland“.

Die Kamera ist nah dran und überall dabei, und die unbefangenen Frager sind Nachbarn ihrer Zuschauer, stecken selbst in den Prozessen, die sie festhalten und vermitteln, fordern Feedback und Positionierung heraus. Die Programme der lokalen Fernsehveranstalter in Sachsen enthalten bewegte und bewegende Nah-Bilder des Vereinigungsprozesses, Kontinuitäten und Brüche von Tradition und Sozialisation, Euphorie und (allzu schnell) enttäuschte Hoffnungen. Bilder, die in keinem öffentlich-rechtlichen Fernseharchiv zu finden sind.

Lokalfernsehen ist Heimatfernsehen im besten Sinne, es ist lokales Gedächtnis und kultureller Speicher. Die lokalen Fernsehprogramme der Scharnierzeit von 1990 bis 1995 zeigen Verluste auf und die Suche nach Neuem; sie begleiten den Beginn des Vereinigungsprozesses. 30 Jahre nach dem Mauerfall und dem Vereinigungstag dauert dieser Prozess noch immer an, und es stellen sich unbeantwortete, verdrängte Fragen neu. Vieles von dem, was heute aufbricht, wurde vor 25 bis 30 Jahren unter- oder falsch bewertet, in der Hektik des Umbruchs missachtet, liegengelassen, unter den Teppich gekehrt, überdeckt durch allzu viele Herausforderungen, Verheißungen und Möglichkeiten. Mit Hilfe des Lokalfernsehens können wir heute diese Prozesse wieder erleben, noch einmal sehen und für eine Neubewertung fruchtbar machen.

Die Leipziger MedienwissenschaftlerInnen Judith Kretzschmar und Rüdiger Steinmetz haben einen Querschnitt aus lokalen sächsischen TV-Programmen zusammengestellt; sie ordnen ein und hören den Erinnerungen der Bürger zu.

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